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Der Leitz-Park in Wetzlar – eine Erlebniswelt für und von Kamera-Enthusiasten

Bauabschnitt III im Leitz-Park ©Michael Kisselbach kiframes.de

Am 07. Juni 2016 war es soweit: Der Spatenstich für den neuen Bauabschnitt des Leitz-Parks in Wetzlar wurde gesetzt und das gesamte Areal somit vervollständigt. Dr. Andreas Kaufmann, Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitseigner der Leica Camera AG, wird mit dem dritten Bauabschnitt seine Vision des Leitz-Parks einen deutlichen Schritt voran bringen.

Die Geschichte der Entwicklung zeigt, was ein begeisterter Bauherr mit den richtigen Architekten vollbringen kann. Außerdem ist dieses Projekt ein gelungenes Beispiel für die Umnutzung von Militärbrachen und die Aufwertung einer Stadt und Region.

Es ist schon außergewöhnlich, dass eine gewinnorientierte Firma zur Entwicklung eines Gewerbeparks einen architektonischen Wettbewerb ausschreibt. Wie Herr Kleine-Kraneburg von Gruber + Kleine-Kraneburg Architekten, den Planern des Leitz-Parks, in einem Interview mit mir nochmals betonte.

Bauabschnitt I

Die ersten Planungen zum Bauabschnitt I auf dem Gelände „Schanzenfeld“ in Wetzlar begannen im Jahr 2006 mit den Gebäuden der Optikfirmen Uwe Weller Feinwerktechnik GmbH und Viaoptic GmbH, die im Jahr 2009 fertiggestellt wurden.

CW Sonderoptic GmbH (links) und Uwe Weller Feinwerktechnik GmbH (rechts) im Leitz-Park

CW Sonderoptic GmbH (links) und Uwe Weller Feinwerktechnik GmbH (rechts) im Leitz-Park

Das Architekturbüro Gruber + Kleine-Kraneburg beteiligte sich damals an der Ausschreibung für den ersten Bauabschnitt.

„Nicht zuletzt, um einen lukrativen Auftrag zu bekommen“, scherzt Herr Kleine-Kraneburg. „Aber auch, weil es außergewöhnlich ist, dass ein Gewerbegebiet in einem Wettbewerb ausgeschrieben wird. Die Lage des Gebietes war überaus interessant – es liegt, wie eine Tempelanlage, auf einer Anhöhe und ist somit gut zu sehen. “

Dr. Kaufmann erweist sich als sehr architekturinteressiert und als Bauherr mit – im besten Sinne – hohen Ansprüchen.

Dr. Andreas Kaufmann, Mehrheitseigentümer und Aufsichtsratsvorsitzender der Leica Camera AG

Dr. Andreas Kaufmann, Mehrheitseigentümer und Aufsichtsratsvorsitzender der Leica Camera AG

„Architektur muss eine angenehme Ausstrahlung auf den Menschen haben“, so  Dr. Andreas Kaufmann Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitseigner der Leica Camera AG

Dr. Kaufmanns Vision war, dass der Gewerbepark wie eine Stadt funktioniert, mit Plätzen und Gebäuden als Einheiten, die eine außergewöhnliche Gewerbearchitektur darstellen. Der Entwurf von Gruber + Kleine-Kraneburg erhielt den Zuschlag für das Projekt.

„Gruber + Kleine-Kraneburg wurde 1995 von den Architekten Martin Gruber und Helmut Kleine-Kraneburg gegründet. Beide Gründer waren vorher Mitarbeiter im Büro von Oswald Mathias Ungers in Frankfurt am Main. Zu den Aufgabengebieten von Gruber + Kleine-Kraneburg gehören u. a. Hochhäuser und Verwaltungsgebäude, aber auch Wohnhäuser. Ausgehend von geometrischen Formen und am menschlichen Maß bestimmten Proportionen, orientiert sich die Arbeit des Büros an Kontext und Funktionalität des Ortes mit großem Augenmerk auf Materialien, Struktur und Beleuchtung. So wirken sie in ihrer Strenge auch immer emotional. Bekannte Bauten sind unter anderem das Bundespräsidialamt (1998) in Berlin, das Main Forum (2003), (…) und der Taunusturm (2014) in Frankfurt am Main.“ (Quelle Wikipedia 04/17)
Die Architekten Martin Gruber (links) und Helmut Kleine-Kraneburg (rechts)

Die Architekten Martin Gruber (links) und Helmut Kleine-Kraneburg (rechts)

Auf die Frage, wie es ist mit einem derart architekturinteressierten Kunden mit einer ausgeprägten Meinung zu arbeiten, weiß Herr Kleine-Kraneburg zu berichten:

Es ist ein absoluter „Traum“ für einen Architekten, da der Investor Dr. Andreas Kaufmann nicht nur architekturinteressiert ist, sondern diese Affinität auch lebt und das notwendige Verständnis dafür hat. Der Anspruch, der für das Design und die Funktion einer Leica Kamera besteht, wird somit auch an die Architektur gestellt. Wir tauschen uns regelmäßig mit ihm über die wirklich wichtigen Dinge der Architektur aus, ohne den funktionalen Anspruch aufzugeben. Es ist daher durchweg eine Zusammenarbeit unter Gleichgesinnten.

Der erste Bauabschnitt wurde streng kubisch angelegt und erinnert so mit den beiden Gebäuden noch am ehesten an funktionale Gewerbebauten.

Was dann folgt, war aber eine längere Pause, da die Finanzkrise auch die Leica im Griff hatte und man sich zunächst auf die aktuellen Herausforderungen konzentriert hat.

Leitz-Park Mai 2014

Leitz-Park Mai 2014

Bauabschnitt II

2010 wurden die Planungen zum zweiten Bauabschnitt aufgenommen, um eine neue Unternehmenszentrale für die Leica Camera AG zu schaffen. In unmittelbarer Nähe zu den beiden Firmen Uwe Weller Feinwerktechnik GmbH und Viaoptic GmbH sollte gestalterisch ein deutlicher Kontrast entstehen. Für die Planung und Umsetzung wurden erneut die Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg beauftragt.

„Als wir in die nächste Planungsphase gingen, habe ich freilich gesagt, der ursprüngliche Entwurf, der eine kubische Architektur vorsah, der geht nicht mehr – eine Gebäude für Leica, das muss ein bisschen anders aussehen“, so Dr. Kaufmann

Als zentrales Gestaltungselement für den zweiten Bauabschnitt dienten die Formen eines Fernglases und eines Objektivs – in Anlehnung an das Leica Produktportfolio. Mit diesen Kreisen hat man sich auch Komplikationen eingehandelt, die gelöst werden mussten. So entstand ein großer Platz, der jedoch zu leer und unbelebt wirkte. Dieser Platz war zunächst nur durch die Gebäude zu drei Seiten hin geschlossen und der nächste Abschnitt noch nicht in Planung.

„Wahrscheinlich haben wir in den Gesprächen erwähnt, dass dort ein weiteres Gebäude dem Platz gut tun würde. Letztlich war es aber Herr Dr. Kaufmann, der sich dort ein Café wünschte. Wir haben dann gemeinsam viele Varianten durchgespielt, um das gewünschte Wiener Café als Abschluss des Platze zu realisieren“, so Kleine-Kraneburg

Der Bauherr wünschte sich für das Café eine moderne Version des Barcelona-Pavillons von 1929 von Mies van der Rohe. Durch das Spiel mit Radien und Kreiselementen wurde – auch in Zusammenarbeit mit dem über einen weiteren Wettbewerb gefundenen Landschaftsarchitekten – eine besonders ästhetische  Lösung gefunden.

Café Leitz - Terrasse

Café Leitz – Terrasse

Café Leitz - Innenansicht

Café Leitz – Innenansicht

“Die Mitarbeiter der drei ansässigen Firmen nehmen den Platz und das Café Leitz sehr gut an. Beides dient als Begegnungs- und Austauschstätte für Mitarbeiter und Besucher. So entstand ein belebter und gelebter Platz als „Stadtmitte“. Wir konnten damit etwas erreichen, was so manche Stadterweiterung erst nach Jahren der Nutzung vollbringen kann“, sagt der Architekt.

Bauabschnitt III

Seit dem Spatenstich im Juni 2016 schreitet der Ausbau mit großen Schritten voran. Die Rohbauten der geplanten vier Gebäude sind nahezu fertiggestellt. Diese werden künftig unter anderem eine Leica Erlebniswelt, das LIVING ERNST LEITZ Design-Hotel, die CW Sonderoptic GmbH sowie Büros beherbergen. Eingebettet in den öffentlichen Raum, dokumentieren die Pläne der Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg erneut eindrucksvoll den gestalterischen Anspruch des Leitz-Parks. Es entsteht ein High-Tech-Zentrum im Herzen Wetzlars, das mit anspruchsvollem Design einen öffentlich zugänglichen Ort für Bürger der Region sowie internationale Gäste schafft. Darüber hinaus wird ein hochmoderner Arbeits- und Erlebnisraum geschaffen, an dem Entwicklung, Produktion und Wissenschaft sowie Kultur, Gastronomie und Wohnen eine harmonische Einheit bilden.

Aus den Modellen und Zeichnungen kann man ablesen, dass es von den ersten Ideen bis zum fertigen Plan ein weiter Weg war. Die Architekten schlugen zunächst einen, großen Solitär vor, welcher alle Funktionen beinhalten sollte. Der Platz bzw. die Plätze sollten sich hier im Inneren des Gebäudes befinden und dort gemeinsame Räume schaffen. Dieses geplante Gebäude war Bauherr Kaufmann aber zu groß.

Bauabschnitt III im Leitz-Park ©Michael Kisselbach kiframes.de

Bauabschnitt III im Leitz-Park ©Michael Kisselbach kiframes.de

Die Geschichte des Areals (hier klicken zum Anzeigen)

Interview mit dem Architekten zum Bauabschnitt III

Das klassische Architekturbüro betätigt sich ja nicht sehr intensiv mit Städtebau. Die hier vorliegende Lösung hat aber einen sehr starken städtebaulichen Charakter, welchen die einzelnen Gebäude unterstreichen. War das eine große Herausforderung?

Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg: Auf jeden Fall. Grundsätzlich gilt das aber für jede architektonische Aufgabe, für jeden architektonischen Entwurf. Jedes Haus, jede Bauaufgabe ist immer ein öffentliches Ereignis. Man agiert fast immer in einem städtischen Kontext, bezieht sich darauf oder transformiert bestehende Dinge. Hier war/ist es zwar die ‚grüne Wiese‘ respektive ein ehemaliges Militärgelände, das aber auch in einen städtischen, landschaftlichen Kontext eingebunden ist: Straßen, angrenzendes Waldgebiet, das Gewerbegebiet ‚Auf der Plank‘. Dies ist ebenfalls die übergeordnete Struktur des dritten Bauabschnitts. Er ist in diesem Konzept ein Teil dieses städtebaulichen Entwurfs. Diese „Stadt in der Stadt“, also der Campus generell, definiert sich wie bei den bekannten Vorbildern an Elementen wie Straße, Weg, Gasse, Platz. Die Häuser kommunizieren untereinander, stehen im Dialog miteinander. Das sind geometrische Bezüge, aber auch Materialbezüge und Konstruktionsarten.

Mit welchen Mitteln wurden die Lösungen entwickelt? Eher digital oder mit Modellbau?

Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg: Sowohl als auch. Die zeichnerische Lösung wurde im Modell überprüft – auch in großen Maßstäben – und umgekehrt.

Bei der Arbeit vom städtebaulichen Maßstab bis hin zum kleinsten Einrichtungsdetail – was waren dort die größten Herausforderungen?

Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg: Neben den oben genannten Punkten war eine der größten Herausforderungen die Lösungssuche für die städtebauliche Setzung, die Zusammenführung des jeweils individuellen Hauses zu einer komplexen, aber homogenen Gesamtkonfiguration sowie die Ausarbeitung der Funktionalität der einzelnen Häuser mit den jeweils ganz konkreten und noch zu erarbeitenden Raumprogrammen für die unterschiedlichen Nutzer. Wir haben uns über mehrere städtebauliche Entwürfe hinweg immer eng mit Dr. Andreas Kaufmann abgestimmt und stehen auch, was die noch zu erarbeitenden Raumprogramme anbelangt, in engem und konstruktivem Austausch mit ihm.

Für die Konzeption des dritten Bauabschnitts brachte Dr. Kaufmann die Analogie zu einer italienischen Stadt wie beispielsweise Siena in Spiel. Die einzelnen  Gebäude wurden so platziert, dass sich aus jeder Perspektive interessante Ein- und Ausblicke auf die Piazza und die drei bestehenden Firmen des Leitz-Parks eröffnen. Kaufmann wünschte sich, dass nicht nur die Flächen um das Gebiet herum, sondern auch die auf dem Platz als Parkplatzfläche genutzt werden sollten. Die Architekten entwickelten einen Entwurf, bei dem sich alle Haupteingänge zu dem zentralen Platz orientieren und über Freitreppen zueinander gegliedert sind. Zusätzlich wird der Platz von einem Kunstwerk betont.

Bauabschnitt III im Leitz-Park ©Michael Kisselbach kiframes.de

Bauabschnitt III im Leitz-Park ©Michael Kisselbach kiframes.de

„Die Perspektiven zeigen zudem, dass mit der Anordnung der Parkplatzflächen auf dem Platz eine interessante Lebendigkeit geschaffen wird“, fasst Herr Kleine-Kraneburg zusammen.

Ausblick

Der dritte Bauabschnitt mit Museum und Hotel werden das Gewerbegebiet nach Fertigstellung nochmals deutlich attraktiver machen und Touristen und Kamerafans in das Gebiet locken. Die Pläne und Modelle zeigen schon jetzt, dass hier auch für Freunde der Architektur ein sehr interessanter Ort geschaffen wird. Man darf also gespannt sein, was Herr Kaufmann und die Architekten Gruber + Kleine-Kraneburg dort für die Zukunft noch vorhaben.

Ist die Arbeit für eine bekannte Firma ein Popularitätsschub für ein Architekturbüro? Oder ist es eher so, dass man auf eine bestimmte Art der Gestaltung reduziert wird?

Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg: Popularitätsschub ist eher übertrieben. Wir bekommen dadurch nicht mehr Aufträge, aber unser Büro wird verstärkt wahrgenommen und mit unserem Namen wird durch dieses Projekt natürlich eine bestimmte Architekturauffassung verbunden. Die Gefahr einer ‚Gestaltreduzierung‘ sehe ich nicht. Dafür arbeiten wir schon zu lange an unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Architekturen ‚vom Wohnhaus bis zum Hochhaus‘.

Wenn Sie sich den nächsten Auftrag frei aussuchen könnten, was würden Sie dann verwirklichen?

Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg: Die Planung und Umsetzung einer Werkssiedlung oder Gartenstadt wäre ein Projekt, das ich sehr gerne verwirklichen würde – wie beispielsweise die Gartenstadt Hellerau bei Dresden.

Ich danke Herrn Univ. Prof. Helmut Kleine-Kraneburg für das Interview, welches ich im April 2017 mit Ihm führen durfte. Zugleich danke ich der Leica Camera AG für die Bereitstellung des Bildmaterials.

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