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Mies van der Rohe hätte es bestimmt genauso gemacht

Neue Nationalgalerie 1 (c) Simon Menges

1968 eröffnete die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe als erstes Museum auf dem damals neu entstehenden Berliner Kulturforum. Dank seiner außergewöhnlichen Architektur sowie der exzellenten Kunstsammlung des 20. Jahrhunderts avancierte das Museum schnell zu einem der wichtigsten kulturellen Höhepunkte der Hauptstadt. Nach 50-jähriger Nutzung wurde die Ikone der klassischen Moderne unter der Leitung von David Chipperfield Architects umfassend instandgesetzt. In folgenden Interview erläutert Alexander Rotsch, der Leiter des europäischen Lichtplanungsteams bei Arup und Projektleiter der Grundinstandsetzung der Beleuchtung der Neuen Nationalgalerie, wie man ein architektonisches Meisterwerk behutsam in zeitgemäßes Licht rückt.

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Herr Rotsch, die Neue Nationalgalerie ist nicht unumstritten. Darf sich ein Museum stärker inszenieren als die Kunstwerke, für die es gebaut wurde?

Alexander Rotsch: Die Neue Nationalgalerie ist weit mehr als eine architektonische Hülle für die Kunst, die in ihr ausgestellt wird. Sie ist selbst ein Kunstwerk und verkörpert vielleicht wie kein anderes Gebäude Mies van der Rohes langjährige Leidenschaft für den offenen, fließenden Raum. Die obere Halle mit ihrer raumhohen umlaufenden Glasfassade wurde nicht als klassischer Museumsraum, sondern vielmehr als Allzweckraum für die Kunst konzipiert. Mit ihrer zu allen Seiten des Stadtraums offenen, transparenten Fassade hebt sie nicht nur die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auf, sondern zeigt, dass Kunst für alle da ist und von allen gesehen werden soll. Die ikonische Halle will keine Rücksicht auf die museale Nutzung nehmen, vielmehr sollen die Ausstellungen und Kunstprojekte in Dialog mit der einzigartigen Architektur und dem besonderen Ort treten. Ganz anders sieht es im nahezu tageslichtlosen Untergeschoss aus. Hier fungiert der Raum vielmehr als Bühne für die Kunst.

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Wie gelingt der Spagat, zu erneuern und gleichzeitig zu bewahren?

Mit angemessener Hochachtung und Respekt sowie Leidenschaft für die Aufgabe. Bereits vor gut 25 Jahren, im Rahmen meines Studiums an der Bauhaus-Universität in Weimar, habe ich mich intensiv mit der Neuen Nationalgalerie beschäftigt, die aus meiner Sicht den Höhepunkt in Mies van der Rohes Schaffen darstellt. Als wir im Jahr 2012 den Auftrag für die Lichtplanung für uns gewinnen konnten, war das für mich persönlich ein großes Privileg. Denn die Möglichkeit, an so einem bedeutenden Projekt, einem Meilenstein der Architekturgeschichte, mitarbeiten zu dürfen, hat man wahrscheinlich nur einmal im Leben. Eine bewahrende Erneuerung gelingt nur dann überzeugend, wenn man zu Beginn tief in das Ursprüngliche eintaucht. Und genau das hat unser Team gemeinsam mit David Chipperfield Architects getan. Anhand von bauzeitlichem Fotomaterial sowie originalen Planungsunterlagen, Detailzeichnungen, Gesprächsnotizen und Bemusterungsprotokollen, die uns vom Archiv des Museum of Modern Art in New York zur Verfügung gestellt wurden, konnten wir auf bauhistorische Spurensuche gehen und detaillierte Einblicke in Mies van der Rohes ursprüngliches Lichtkonzept der Neuen Nationalgalerie erhalten. Zudem hatten wir mehrmals die wunderbare Gelegenheit, mit Dirk Lohan zu sprechen, dem Enkel von Mies van der Rohe, der als junger Architekt am Entwurf und der Ausführung der Neuen Nationalgalerie mitgewirkt hatte. Das alles hat uns geholfen, ein tiefes Verständnis für die Aufgabe zu entwickeln.

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Mies van der Rohe hatte ein Beleuchtungskonzept entwickelt, das zu jener Zeit als sehr fortschrittlich galt. Was war das Besondere an seinem Konzept?

Mies van der Rohe beschäftigte sich damals intensiv mit den Wechselwirkungen von Licht und Raum. Er ließ sich dabei vom amerikanischen Lichtdesigner Richard Kelly inspirieren. Mit ihm hatte er gemeinsam am Seagram Building in New York gearbeitet. Kelly, ein Pionier der qualitativen Lichtplanung, unterscheidet in seiner Philosophie zwischen drei Qualitäten der Beleuchtung – „Ambient Luminescence“, das Licht zum Sehen, „Focal Glow“, das Licht zum Hinsehen und „Play of Brilliants“, das Licht zum Ansehen. Daraus entwickelte Kelly eine wegweisende Theorie der Architekturbeleuchtung, die auf Erkenntnissen aus der Wahrnehmungspsychologie und Bühnenbeleuchtung basiert und die Bedürfnisse des Menschen berücksichtigt. Den Ansatz des szenografisch eingesetzten Lichts griff Mies van der Rohe für die Neue Nationalgalerie auf.

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Was ist das Charakteristische an Mies‘ damaligem Lichtkonzept?

Im Erdgeschoss sorgen 784 entblendete Downlights in den 196 Kassettenfeldern der schwarzen Dachkonstruktion für die allgemeine Ausleuchtung und erzeugen bei Dunkelheit das unverkennbare, sich in der Verglasung spiegelnde Deckenbild. Dank der transparenten Fassade verschmelzen so die Grenzen zwischen Kunst- und Stadtraum. Charakteristisch für das Untergeschoss sind die engen Reihungen von rund 1.350 deckenintegrierten Wandflutern. Als Vorbild für diese in Deutschland damals noch weitestgehend unbekannte Art der Beleuchtung dienten unter anderem Darstellungen in dem 1962 veröffentlichten Buch „Architectural Lighting Graphics“ von John Edward Flynn. Die bündig in die Decke eingebauten Wallwasher, so die englische Bezeichnung, ermöglichen es, die weißen Ausstellungswände in nahezu gleichmäßiges Licht zu tauchen. Der fließende Raum wird durch die flächig beleuchteten, frei angeordneten Wandscheiben betont. Da Mies van der Rohe großen Wert auf ein weiches Auslaufen des Lichts am Übergang zur Decke legte, wurden die Strukturglaslinsen der Wallwasher mit einer Teilsatinierung versehen. Besonders fortschrittlich war auch der modular konzipierte Deckenspiegel im Untergeschoss. Die Leuchtenanordnung ist auf das Raster dieser allgegenwärtigen Moduldecke aus 60 mal 60 Zentimeter großen auswechselbaren Deckenplatten bezogen. Damit sollte eine flexible Anpassung der Beleuchtung auf die jeweilige Ausstellung ermöglicht werden. Im Sinne der modularen Gestaltung hatten alle Leuchten im Untergeschoss denselben Durchmesser und einen matt-schwarzen Abblendkonus. Auch die in den Deckenplatten integrierten Lautsprecher waren so gestaltet, dass sie sich in das einheitliche Erscheinungsbild einfügten.

Neue Nationalgalerie 2 (c) Simon Menges
Neue Nationalgalerie 2 (c) Simon Menges
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Was hat Sie beim Start des Projekts besonders überrascht?

Das Sammelsurium an Improvisationen für die Beleuchtung, das über die Jahre, teilweise aus der Not heraus, entstanden war. Nach und nach waren je nach Bedarf Stromschienen auf der Moduldecke im Untergeschoss montiert worden. Im Laufe der Zeit kamen verschiedene Strahlertypen hinzu, sowie je nach Ausstellung provisorische Abblendtuben. Aufgrund der fehlenden Lichtsteuerung wurden Leuchtmittel in einigen Leuchten und Wandflutern einfach herausgeschraubt. An anderer Stelle wurden Glühlampen und Pressglaslampen durch Kompaktleuchtstofflampen ersetzt. Spannend und überraschend war auch der Fund von 42 originalverpackten, für die damalige Zeit äußerst innovativen Einbaurichtstrahlern mit Jod-Quarz-Lampen sowie dreh- und schwenkbarer Optik samt einstellbarer Maskenblende, die wohl nie zum Einsatz kamen.

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Was war aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung bestand darin, unter Berücksichtigung des ursprünglichen Beleuchtungskonzepts eine Lösung zu finden, die die kuratorischen, konservatorischen, funktionalen, technischen und wirtschaftlichen Anforderungen an ein zeitgemäßes Museum erfüllt und gleichzeitig den hohen denkmalpflegerischen und architektonischen Ansprüchen des Gebäudes gerecht wird. Dabei sollte unsere Arbeit möglichst unsichtbar bleiben. Die rund 2.400 Bestandsleuchten mussten behutsam restauriert und in ihrer Position im Deckenspiegel erhalten bleiben. Das Lichtbild der bauzeitlichen Leuchten im Raum und auf den Wänden war ebenso wie die Leuchten selbst schützenswertes Denkmal. Es war eine herausfordernde Aufgabe, die ursprünglich für verschiedene Glühlampentypen der 1960er-Jahre entworfenen Leuchtengehäuse und optischen Komponenten unter Verwendung neuester und für die museale Nutzung geeigneter Lichttechnik so umzurüsten, dass die bauzeitliche Lichtverteilung beibehalten werden konnte, ohne das denkmalgeschützte Erscheinungsbild zu verändern.

Neue Nationalgalerie 3 (c) Simon Menges
Neue Nationalgalerie 3 (c) Simon Menges
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LED-Leuchten machen in der Regel ein ganz anderes Licht. Wird dadurch nicht das ursprüngliche Lichtkonzept von Mies van der Rohe beeinträchtigt?

Nein, denn unser Ziel war es, dass das Licht auch unter Verwendung von LED-Technik nicht anders erscheint und das ursprüngliche Lichtkonzept so weit wie möglich erhalten bleibt. Wie beim Bau in den 1960er-Jahren waren auch dazu zahlreiche Bemusterungen und Labortests erforderlich. Nach Messungen ausgewählter Prototypen verschiedener Hersteller im Labor fand Ende 2018 ein Lichttest unter realen Bedingungen in der benachbarten Gemäldegalerie statt. Ein Gremium aus Auftraggeber, Nutzer, Architekt, Fachplanern, Sachverständigen, Mies van der Rohe-Experten sowie dem Landesdenkmalamt bewertete die Leuchten nach objektiven Kriterien sowie ihrer subjektiven Wahrnehmung. Auch Dirk Lohan war dabei und machte sich ein Bild von der zu erwartenden Lichtqualität. Das Spannungsfeld zwischen denkmalpflegerischer Zielstellung und kuratorischen Ansprüchen zeigte sich besonders beim Thema der Lichtfarbe. Die bauzeitlich verwendeten Glühlampen waren warmtonig, hatten eine Lichtfarbe von ungefähr 2.700 Kelvin. Es wäre durchaus möglich gewesen, dies in LED-Technik umzusetzen. Da sich die Sehgewohnheiten innerhalb von 50 Jahren geändert haben, entschieden sich die Museumsvertreter nach intensiver Diskussion und Bemusterung für eine etwas frischer wirkende Lichtfarbe mit einer Farbtemperatur von 3.000 K.

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Das Thema Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle. Wie ließ sich dies bei der Beleuchtung der Neuen Nationalgalerie umsetzen?

Das Circular Economy-Prinzip „Reduce, Reuse, Recycle“ fand hier auf jeden Fall Anwendung. Nachhaltig war sicherlich die Wiederverwendung der bestehenden Leuchtengehäuse und -komponenten, aber auch das Aufräumen des über die Jahre verunklärten Deckenspiegels. Unser Ziel ist es immer, Lichtkonzepte und Beleuchtungslösungen so energieeffizient und nachhaltig wie möglich zu gestalten. Die neue Lichttechnik in der Neuen Nationalgalerie ermöglicht trotz höherer Beleuchtungsniveaus Energieeinsparungen von mehr als 80 % im Vergleich zur ursprünglichen Beleuchtung. Neben der Verwendung effizienter museumstauglicher LED-Technik haben wir die umgerüsteten Leuchten so entworfen, dass die einzelnen nachgerüsteten Komponenten zu Reparatur- und Revisionszwecken möglichst einfach austauschbar sind. Ich glaube, Mies van der Rohe, würde er heute noch leben, hätte das auch so gemacht.

Alexander Rotsch (c) Arup
Alexander Rotsch

Leitet die Lichtplanung bei Arup in Europa.

Arup Deutschland GmbH
Joachimsthaler Straße 41
10623 Berlin
+49 30 885 910 0

www.arup.com

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