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Nachtragsangebote – Notizen aus dem Architekturbüro (9)

Ambos + Weidenhammer
Ambos + Weidenhammer

Ambos + Weidenhammer

Hellmut Ambos spendetet archimag seine Notizen aus dem Architekturbüro, die jetzt hier jede Woche Stück für Stück dargeboten werden. Die kurzen bis sehr kurzen Texte bieten lustiges, überraschendes, aber immer einen Moment des Nachdenken – ein Nachtragsangebot eben.

Nachtragsangebot 9

Im Büro sitzen die drei Kinder Margit, Marianne und Markus, alle um die 40, und ihre Tante Hannelore, Ende 50. Die Kinder haben das Haus ihres Vaters geerbt, die Tante, die Schwester des Vaters, hat ein lebenslanges Wohnrecht darin, es war auch ihr Elternhaus.

Margit, ledig, wohnt in München, Marianne, verheiratet, 1 Kind, in Rom und Markus, verheiratet, 1 Kind, in Reykjavik. Die Tante, verheiratet, kein Kind, wohnt ebenfalls in München.

Mit dabei ist noch die Frau Markus, sie ist Isländerin, spricht nicht deutsch und beschäftigt sich derweil intensiv mit ihrem Mobiltelefon, und das Kind Markus, das höflicherweise die ganze Zeit schläft.

Die Vier möchten nun das Haus renovieren und so aufteilen, dass alle einen eigenen Bereich darin bewohnen könnten, Konjunktiv, wenn sie wollten, in den Ferien, wann sonst.

Ob es Pläne des Hauses gibt wissen sie nicht und sie machen auch keine Anstalten, es herauszufinden. Ich sage ihnen, das mache nichts. Pläne seien in einem Fall wie dem ihren für den Architekten nicht unbedingt notwendig.

Die Obsession von Markus aus Reykjavik, der Punkt, auf den er sich bei der Besprechung ausschließlich fokussiert hat, ist, im Dachboden, der im Übrigen als Kaltdach ausgebildet ist, sofort eine Folie unter die Sparren zu nageln, um dem weiteren Verfall des Hauses entgültig und abschließend Einhalt zu gebieten. Diese Obsession wird ihn die nächsten 2 Jahre begleiten, ohne dass es zu einer Folie im Speicher kommen wird. Marianne bringt eine Zeichnung eines kleinen Hexenhäuschens mit, von der der Architekt zuerst annimmt, sie sei von ihrer 3-jährigen Tochter, die aber von ihr selbst ist und bereits den letztgültigen Umbauvorschlag enthalten soll. Tragende Wände sind in der Zeichnung nicht vorgesehen. Margit wiederum ist sehr für biologische Baustoffe, und Hannelore ist alles egal, solange ihr Wohnrecht nicht in Frage gestellt wird.

In den nächsten zwei Jahren wird es zwischen den Vieren zu mehreren Einigungen kommen, die mir per Email mitgeteilt werden. Die Vorstellungen sind aus Sicht des Architekten nicht immer realisierbar, was ich aber nicht sagen werde, um unnötige Diskussionen zu vermeiden, denn die erzielte Einigung wird danach jeweils von einem der Beteiligten sowieso sofort wieder in Frage gestellt werden, so dass der Einigungsprozess von vorne beginnt.

Nach etwa zwei Jahren werden sie sich darauf einigen, ihr Elternhaus doch zu verkaufen, weil auf etwas anderes sie sich nicht haben einigen können. Sie werden dabei noch versuchen, ihre Tante mit dem Wohnrecht auszutricksen, worauf es zu unschönen Prozessen kommen wird.

Bis dahin wird der Architekt, außer einige Emails mit nichtsagenden Floskeln beantwortet zu haben, nichts weiter unternehmen, was aber niemandem auffallen wird. Irgendwann werden die Emails aufhören, wir werden ihnen dann auch keine Rechnung stellen, es wäre sinnlos.

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Ich bin Architekt und seit 2009 veröffentliche ich archimag.de. Wenn Ihr Wünsche oder Anregungen habt, dann her damit. Ich freue mich über Eurer Feedback.

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