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Top 10 Gründe kein Architekten zu werden

10 von yoppy from flickr
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Bei „life of an architect“ habe ich den Artikel „Top 10 not to be an architect“ gefunden und mich beim Lesen köstlich amüsiert. Ich habe Bob drauf hin angeschrieben und gefragt, ob ich den Text hier bei Archimag übersetzt posten darf. Die schnelle und positive Antwort hat mich gefreut und so habe ich mich sofort an die Übersetzung gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Text sehr U.S.-spezifisch ist. Da der Kern seiner Aussagen allgemeingültig ist, habe mich entschieden, keine 1:1 Übersetzung anzufertigen, sondern meine eigenen Erfahrungen aus dem deutschsprachigen Raum einfließen zu lassen. Ich empfehle daher jedem, auch den Originaltext mal zu lesen.
Noch mal ein herzliches Dankeschön an Bob, dass ich seine Texte als Grundlage nehme konnte.

Bob von „life of an architect“ ist ein lizenzierter Architekt aus Dallas. Mit seiner Frau Michelle, die sowohl häufig Mitarbeiter und als auch Muse ist, hat er eine Tochter – Kate. Seine Projekte sind private Häuser, als auch Feuerwehren und Einzelhandelsgebäude. Er erhielt im Jahr 2009 den American Institute of Architects „Young Architect of the Year“-Award. Januar 2010 begann er seinen Blog, um sich mit der Technik auseinander zu setzten.

Die Top 10 Gründe kein Architekten zu werden

1. Dein soziales Umfeld verliert an Vielfalt

Architekten sind immer mit anderen Architekten befreundet, sie rotten sich zusammen. Das passiert entweder, weil Architekten die einzigen Personen sind, die sie sehen (vgl. Punkt 3) oder weil sie sich, aufgrund ähnlicher Interessen, immer wieder begegnen. Architekten hören um 17 Uhr nicht auf Architekten zu sein. Bob kennt 10 Architekten, die mit Architekten verheiratet sind. Er kennt aber keine Ärzte oder Juristen, die mit Ihresgleichen verheiratet sind. Diese Erfahrung kann ich nicht ganz unterschreiben, aber auch ich kenne in jedem Lebensbereich mindestens drei weitere Architekten. (Sport, Kindergarten, Freundeskreis, etc.) Warum ist das wohl so?

2. Lohn und Sozialleistungen sind schlecht

Bob schreibt in seinem Text über die fehlenden sozialen Leistungen im Beruf, wie Zahnversicherungen etc. Wir hier in Deutschland haben es da besser, weil unser soziales System (wenn man den Arbeit hat!) besser ist. Aber auch ich kann aus meiner Erfahrung und aus den Erzählungen von Kollegen sagen, dass Architekten schlecht bezahlt sind. Erst machst du ein Praktikum (so 1-2 Jahre) und dann arbeitest du für ein Apfel und ein Ei. Klar, es gibt Berufe in denen man weniger verdient, aber wenn ich studiere, um später richtig Geld zu verdienen, dann sollte ich Maschinenbauer oder ähnliches werden – nicht Architekt. Wie Bob kann auch ich nicht klagen und habe es ganz gut bei meinem Arbeitgeber. Aber es ist schon schade, dass ein Wirtschaftszweig seine Mitarbeiter teilweise so behandelt, die Mitarbeiter das zulassen und die große Menge an Architekten es möglich macht.

3. Du arbeitest lange und zu schlechten Stundensatz

Ein kreativer Prozess ist nicht steuerbar und die Zeit, die du in ein Projekt steckst, ist in vielerlei Hinsicht proportional zu der Qualität des Endproduktes. Es ist sehr schwer, den Spagat zwischen dem Anspruch auf ein perfektes Ergebnis und den wirtschaftlichen Erfordernissen zu schaffen. Du wirst für den kreativen Prozess genauso bezahlt, wie für die spätere Begleitung des Baus. Beides wird in einem Zeitplan gepresst und bei der Begleitung des Baus geht das auch. Du wirst aber in der Entwurfsphase bis in die Nacht sitzen und Lösungen über Lösungen produzieren. Nach 16 Stunden Arbeit kannst du vielleicht 8 Stunden abrechnen, alles andere ist oft nicht zu argumentieren. Es ist so: 80% des Ergebnisses lassen sich mit 20% der Arbeit erreichen. Für die letzten 20% müssen 80% Arbeit aufgewendet werden. Architekten leisten diese 80% mehr, weil sie oft Perfektionisten sind.

4. Deine Ideale sind nicht wirklich wichtig

Die Kunden wollen von dir ein fertiges Produkt erhalten, welches nicht unbedingt das ist, was du willst. Aber Architektur ist kein Handel, bei dem man ein Produkt weitergibt. Deshalb wirst du Produkte entwerfen müssen, die mit deinen Überzeugungen nicht in Einklang zu bringen sind. Du wirst diesen Tod sterben müssen. Kunden werden von dir Dinge verlangen, die du falsch findest und deine Einflussmöglichkeit, die du nutzen solltest(!), wird sich erschöpfen.

5. Wenn dir deine Ideen zu wichtig sind, verlierst du Aufträge

Architekten sind rechthaberisch. Du wirst über Punkte diskutieren, bei denen der Kunden schon eindeutige Stellung bezogen hat. Du wirst klare Argumenten findet und diese darlegen, nicht in der Hoffnung, dass der Kunden sich deiner Meinung anschließt, sondern in der festen Überzeugung, dass er dieses tun muss. Aber so läuft das nicht. Wenn du dann nicht mehr willst, dass dein Name mit einen Gebäude in Verbindung gebracht wird, musst du gehen. Wenn du nicht gehst, besteht die Gefahr, dass du gefeuert wirst, weil der Kunde sich nicht gut vertreten fühlt.

6. Nicht alle Architekten haben Spaß am Arbeitsplatz

Spaß ist vielleicht auch etwas übertrieben. Aber, jeder Architekt hat in seiner Ausbildung 95% der Zeit mit Design und Entwurf verbracht. Der Beruf ist anders. Nicht Entwurf und Design bestimmen den Alltag, sondern Termine, Kosten, Kommunikation, Werkstattzeichnungen, Abrechnungen und so weiter. Nur wenige Architekten können nach 10 Jahren Berufserfahrungen behaupten, sie wären Designer oder würden nur Entwerfen. Die Arbeit des Architekten ist wichtig und sie hilft Neues zu erschaffen. Bob hat in seinem Text einen netten Vergleich gefunden. Ich würde sogar noch etwas weitergehen und sagen, dass oft die Arbeit des Architekten so viel mit Entwerfen zu tun hat, wie die Arbeit eines Bauarbeiters mit dem designen eines Auto. Erst müssen Straßen gebaut werden, damit tolle Auto fahren können. Also genieße die Zeit im Studium, in der du entwirfst, später werden es wohl nur noch 5% deiner Zeit sein.

7. Das Haus, in dem du lebst wird dich unglücklich machen

Du wirst dir immer vorstellen, was du an deiner Wohnung oder deinem Haus besser machen kannst. Wenn Du nur die Möglichkeit, das Geld oder die Zeit hättest. Die gute Nachricht ist aber, dass das Licht am Abend schon unerwartet viel tun kann, um die Situation zu verbessern.

8. Du wirst mit schrecklichen Entscheidungen leben müssen

Architektur zu machen heißt manchmal auch Experimente zu wagen. Und mache Experimente gehen schief. Du musst also damit leben, dass einige deiner Entscheidungen dazu führen, dass Menschen Tag für Tag mit deiner schrecklichen Entscheidung leben müssen. Die gute Nachricht ist aber, dass früher oder später eh ein Kollege kommt und deine Fehler, oder auch nur deine zum Zeitpunkt des Baus „Stand der Technik“-Lösungen, korrigiert. Und auch wenn einmal ein Projekt richtig gut ist, dann wird es irgendwann abgerissen und macht Platz für eine Bank oder ein Einkaufszentrum.

9. Architektur erfordert viel Arbeit und Hingabe

Architekten werden eine lange Zeit ausgebildet und geben für diese Ausbildung Unmengen Geld aus. Nach dem Studium geht es nicht los, wie bei anderen Berufen. Nein, es folgt erst eine Zeit, in der man sich beweisen muss und in der man erst mal lernen muss, dass das, was man auf der Uni gelernt hat, nicht mal die halbe Wahrheit ist (vgl. 6.). Ohne wirklich selbst bauen zu dürfen, arbeitet man für „Kollegen“ (vgl. 2. und 3.). Dann reicht man seine Unterlagen bei der Kammer ein und wird, wenn es gut läuft, angenommen. Drin! Endlich Architekt. Jetzt geht es mit dem Lernen aber weiter. Jährlich muss man Fortbildungen nachweisen. Schneller, preiswerter und entspannter wird man Bauingenieur, Lehrer oder Maschinenbauer. Der Punkt ist, dass du wirklich Architekt werden wollen musst. Ich weiß nicht warum, aber auch ich wollte wie Bob schon früh Architekt werden. Wenn andere Häuser gemalt haben, habe ich Grundrisse gemalt.

10. Du wirst wahrscheinlich weder ein Designer, noch berühmt

Jeder Architekturstudent träumt davon, berühmt zu werden und etwas ganz Neues zu erschaffen. Am besten wird man dann in einem Atemzug mit Rem Koolhaas, GMP oder sogar Le Corbusier genannt. Das wird dir aber höchstwahrscheinlich nicht passieren. Ich kenne keinen meiner Kommilitonen, die auch nur eine Schritt in diese Richtung geschafft hätten. Und da waren wirklich helle Köpfe dabei. Wie es wirklich läuft, kann man gut an den großen Architekturbüros sehen. Dort arbeiten 100 Menschen und davon haben vielleicht 8 jemals Kontakt zum Kunden. Die anderen kümmern sich um die Werkpläne, die Termin, die Kosten und den ganzen anderen Kram. Selbst von den 8 Architekten an der Spitze haben letztendlich 5 etwas zu sagen und entwerfen etwas für den Kunden. Der Rest arbeitet(!) als Architekt. Sei dir dessen bewusst. Schön, wenn es anders läuft, aber zähle nicht darauf. Wahrscheinlicher ist, dass du, wenn du überzeugen kannst und zuverlässig bist, als Einzelkämpfer oder mit 2-3 Kollegen Dachausbauten und Umbauten von 60er Jahre Siedlungshäusern machst.

Naja, einiges ist vielleicht auch etwas schwarz gemalt. Darum wird es in der nächsten Woche die „Top 10 Gründe ein Architekt zu werden“ geben. (erreichbar ab 4.6.10 – 9 Uhr / mit der RSS-Feed bleibst du kostenlos up-to-date.)
Bis dahin bin ich auf eure Kommentare gespannt und schau doch wirklich mal bei Bob vorbei, der mit dem Originalartikel eine tolle Inspiration war.

Kategorie: Magazin

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Ich bin Architekt und seit 2009 veröffentliche ich archimag.de. Wenn Ihr Wünsche oder Anregungen habt, dann her damit. Ich freue mich über Eurer Feedback.

2 Kommentare

  1. Womit fängt man nach so einem Beitrag an?

    Die meisten Punkte sind schlichtweg wahr. Und nicht zu widerlegen, genau aus diesem Grund wäre es wichtig, den ganzen „ich-geh-mal-Architektur-studieren“ Menschen diesen Artikel zu geben. Architektur zu machen ist harte Arbeit. Was schön ist und gut und traumhaft. Wenn man bereit ist sich darauf einzulassen. Reich werden mit Architektur? Porsche fahren? Entwürfe auf Servietten und weiter nach Monaco? Vergiss es! Aber genau solche Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft und bei vielen Studenten. Das Studium bereitet dich dann auch entsprechend auf den Beruf vor.

    Drum überleg dir vorher gut, ob du bereit bist opfer zu bringen, ob du Leidenschaft hast für Termindruck, Kostenkontrolle und Werkplanung. Ob dir Arbeitswochen mit 60 und mehr Stunden nichts ausmachen, obwohl nur die Hälfte davon vergütet wird.

    Wenn das der Fall ist werde Architekt, wenn nicht, lass es! Damit würde sich auch der Arbeitskampf für alle anderen etwas entspannen und die LAge verbessern.

  2. Wunderbarer Artikel, habe teilweise (hier im Café etwas unpassend …) laut gelacht, so wahr ist das und so realistisch, was da steht. Leider, denn eigentlich sind es ja eher unschöne Tatsachen.

    Aber gut, dass es mal so deutlich ausgesprochen wird, solche „klaren Ansagen“ hätte ich mir während meines Studiums auch mal gewünscht. Bin gespannt auf die angekündigte „Gegenposition“ ;o)

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