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Architekturfotograf Jens G. R. Benthien

Jens G. R. Benthien

Jens G. R. Benthien

Jens G. R. Benthien

Spanien: Sonne, Urlaub, Stand und gelassene Menschen. Von der ferne hat man manchmal doch ein krummes Bild eines Landes. Herr Benthien hat als Architekturfotograf Einblicke in Spanien, er lebt und arbeitet in Granada. Was wohl, neben der Tatsache, dass es wunderbare Altstädte und Licht im Überfluss gibt, auch nicht besser ist als hier.

Frage 1: Herr Benthien, steigen wir direkt ein. Was war das letzte Foto, dass Sie gemacht haben?
_jb: Ein Foto einer Serie über eine sehr große Finca auf den Balearen.

Frage 2: Wie sind Sie zur Fotografie und speziell zur Architekturfotografie gekommen?
_jb: Ich hatte schon als Jugendlicher mit 13 Jahren mit einer Akarette fotografiert. Damit konnte ich neue Welten und Sichtweisen erschließen und zeigen. Nach meinem Studium in den USA habe ich für einen damals berühmten Industrie-& Werbe-Fotografen gearbeitet. Die Fotografie hat war immer ein roter Faden für mich und kam mir in meinem Beruf als Industrial Designer zugute.

Frage 3: Welches Gebäude möchten Sie auf jeden Fall noch ablichten?
_jb: Entweder den Kreml als historischen Marker oder ein futuristisches Gebäude in Shanghai, weil dort nur der Himmel das Limit zu sein scheint.

patio bbva by Jens G. R. Benthien

patio bbva by Jens G. R. Benthien

Frage 4: Gibt es einen Kundenkreis bei den Architekten, der noch nicht erschlossen ist? Und wenn ja, warum ist das Ihrer Meinung nach so?
_jb: Bisher ist mir – außerhalb Spaniens – noch keiner bekannt. Allerdings muss ich sagen, dass sowohl Architektur- als auch Industriefotografie – was für mich praktisch identisch ist – noch mehr in das Marketing integriert werden sollten als bisher, obwohl der Prozess zumindest in den USA, Holland und Deutschland bereits etwas weiter fortgeschritten ist als in anderen Ländern. Die Angst mancher Architekten oder Bauherren vor einer so genannten Verfälschung der ‚Sichtweise‘ ist unangebracht – es ist meiner Meinung nach lediglich eine Angst oder Unsicherheit vor anderen Perspektiven. Schließlich sollte der Stolz der Erschaffer sowie die Würde eines Objekts gerne gezeigt werden – sie sind die beste Werbung.

Frage 5: Wie sieht Ihre typische Ausrüstung aus?
_jb: Von 35mm bis zur Monorail (Optische Bank), je nach Aufgabenstellung, Stimmung und Gefühl. Es kommt vor, dass ich mit der Monorail arbeite und noch ein paar Aufnahmen mit einer Contax G2 und dem berühmten 16mm Hologon in engen Räumen mache. Zu 80% kommt die Monorail zum Einsatz, zu 15% spezielle 6×9 Kameras und zu 5% 35 mm. Diese Aussage beruht jetzt auf meinem Gefühl, nicht auf Fakten. Generell verwende ich die vorhandene, natürliche Beleuchtung (inklusive der im Gebäude integrierten Lampen) und warte halt auf den richtigen Moment, denn das Resultat kommt der menschlichen Wahrnehmung näher als ein mit Studioblitzen perfekt ausgeleuchtetes Foto.

interior alhsur by Jens G. R. Benthien

interior alhsur by Jens G. R. Benthien

Frage 6: Analog oder Digital?
_jb: Ausschließlich Analog, denn das bietet mir immer noch die größte Freiheit in Belichtung und Dynamic Range sowie Archivsicherheit. Nachdem mir vor 2 Jahren bei einem Einbruch meine Rechner sowie die Backups gestohlen wurden, war mir klar, welchen Vorteil Dias im Schrank haben – abgesehen davon dass Dias für Diebe absolut uninteressant sind, lassen sie sich jederzeit wieder mit verbesserter Technologie digitalisieren. Ich konzentriere mich auch lieber auf den Moment der Aufnahme als auf die für Digital erforderliche Technik ‚on location‘ – ein Laptop, Batterien, Image Tanks, etc. würden mich vor Ort immobil machen. Analog hat für mich ‚Seele‘ und ist vom Ergebnis her nicht so glatt gebügelt wie Digital. Meine Philosophie: I’m using film because nature isn’t made of squares.
Oder anders herum: Die Rezeptoren unserer Augen sind keine Quadrate und können ‚chaotische‘ Strukturen, wie sie der Film (und die Natur!) liefert, wesentlich besser und schneller auflösen, erfassen und verarbeiten als regelmäßige, mathematisch definierte Muster.

Frage 7: Architektur und Musik werden Parallelen nachgesagt. Hören Sie beim Fotografieren oder Nachbearbeiten Musik und wenn ja welche?
_jb: Nein, überhaupt nicht. Nur auf dem Weg zu einer Location brüllt das Radio als Stimulans-Generator ¾-Takte in den Offroader. Danach ist absolute Ruhe und fast meditative Konzentration angesagt. Beim Nachbearbeiten läuft eventuell Musik im Hintergrund in einem anderen Raum im Haus – direkt am Arbeitsplatz würde mich Musik stören.

Frage 8: Wie stark bearbeiten Sie Ihre Fotos nach?
_jb: Digitalisieren, ggf. Kontrastmodifikationen, Beschnitt nur wenn es sein muss. Ich habe nicht einmal Photoshop… Retuschen nach dem Motto ‚da liegt eine Tasche auf der Fensterbank, die muss weg‘ mag ich nicht. Ab und an mal ein ‚Sandwich‘, d.h. das Übereinanderlegen zweier identischer Fotos mit unterschiedlicher Belichtung. Ein derartiges Sandwich hat aber nichts mit HDR zu tun und sieht im Gegensatz zu HDRs in der Anmutung natürlich aus.

Repsol Gasolinera by Jens G. R. Benthien

Repsol Gasolinera by Jens G. R. Benthien

Die nachfolgenden Fragen beziehen sich hauptsächlich auf das Bild Repsol Gasolinera

Frage 9: Können Sie uns die Einstellungen für das Bild verraten?
_jb: Ich weiss es nicht mehr genau, da ich mir keine Notizen mache, aber es waren so um die 20 Sekunden bei ziemlich kleiner Blende (weil eine Standarten-Verschiebung – rise – erforderlich war).

Frage 10: Der Sonnenuntergang, eine fast leere Tankstelle. Die Vorbereitungen müssen groß gewesen sein. Das Fotos hat doch bestimmt eine Geschichte?
_jb: Der Clou ist, dass die Vorbereitungen minimal waren, weil ich die Dinge recht pragmatisch angehe. Ich hatte in Nordspanien mal eine einsame Tankstelle abseits der Autobahn kurz nach einem Sonnenuntergang gesehen, aber die nächste Abfahrt war zu weit weg um noch rechtzeitig das gute Licht zu fangen. Die Stimmung blieb in meinem Kopf, die Idee entwickelte sich, aber ich zog kurz darauf in den Süden. Durch Zufall fand ich dann diese Tankstelle im Spätsommer, berechnete den Sonnenstand und wusste dann, dass ich Ende Januar nochmal kommen musste, wenn die Sonne direkt hinter der Tankstelle unter dem Horizont versinkt.

Ende des folgenden Januars war ich tagsüber mit einem Freund in Granada, bei 24° C um die Mittags-, 16° C um die Nachmittagszeit und einem Tag mit knallblauem Himmel. Als wir eine Pause machten sah ich den Himmel und wusste: es ist soweit. Wir sind also 30 Minuten zu der Tankstelle gefahren, die auf einer Höhe von ca. 900 Metern liegt, direkt neben der 3.500 Meter hohen Sierra Nevada. Gegen 17:00 habe ich die Arca aufgebaut, ein Rosenstock Apo Grandagon 5.6/65mm eingesetzt und die Kamera ausgerichtet. Ich musste nur noch warten. Innerhalb einer Stunde sackte die Temperatur von plus 16° C auf minus 10° C ab und uns froren fast die Finger ab.

Es kamen immer mehr Autos zur Tankstelle, was nicht meiner Idee entsprach – ich wollte Einsamkeit zeigen. Also musste ich irgendwann den Verkehrsfluss unterbrechen. Ich muss dazu sagen, dass ich es vermeide, die Mitarbeiter einzuweihen, weil dann garantiert jemand in die Kamera sieht… Etwa eine halbe Stunde lang hatte ich die Belichtung mit einem Incident Light Meter, sowie mit einem Spotmeter die Kontraste zwischen dem Himmel über sowie direkt an der Wand der Tankstelle gemessen. Ein paar Minuten später standen nur noch ein paar wenige Fahrzeuge an den Zapfsäulen. Ich bat meinem Assistenten unseren Offroader einfach mal für ein paar Minuten in die Zufahrt zu stellen um ‚dicht zu machen‘. Als das Licht perfekt war habe ich 4 Aufnahmen gemacht. Gleich bei der ersten kam ein Fahrzeug hinter der Tankstelle heraus und fuhr auf mich zu – unbrauchbar. Bei der zweiten Aufnahme waren keine Personen in der Szene. Die 3. und 4. Aufnahme waren perfekt. Zu der 5. Aufnahme kam es schon nicht mehr, weil der Pächter uns bat das Fahrzeug aus der Zufahrt zu holen ;-)

Kurz gesagt: man muss A. eine Idee und ein Bild im Kopf, B. wahnsinnig viel Geduld, C. die richtige Kleidung haben, sowie D. den festen Willen ein Foto umzusetzen, selbst wenn es Monate dauert, ein paar Berechnungen für den Sonnenstand zu einem bestimmten Zeitpunkt erfordert und man eine Stunde und länger in eisiger Kälter ausharren muss.

Frage 11: Wo kommen Sie ursprünglich her und wie sind Sie nach Spanien gekommen?
_jb: Ich komme ursprünglich aus Bremen, war schon in – fast – der ganzen Welt unterwegs und bin 2004 nach einer Familientragödie nach Spanien gegangen. Eigentlich nur um Abstand zu gewinnen, aber dann kam alles anders. Das Land faszinierte mich, das Licht nahm mich gefangen. 2007 bin ich nach Andalucía gezogen – dem ‚grössten natürlichen Studio Europas‘ wie ich es nenne, weil das Licht hier einfach phänomenal ist.

Frage 12: Und wie ist es in Spanien zu arbeiten?
_jb: Ein Wort: schwer. Die Spanier haben – zumindest in den jüngeren Generationen – kaum noch Stolz und Würde, sehr im krassen Gegensatz zu früher. Heute werden Gebäude hochgezogen und die Baufirma aufgelöst, um nicht mehr für Baumängel haften zu müssen. Somit hat niemand mehr Interesse an Architekturfotos. Es geht hier nur noch um kurzfristige Profite für die Bauunternehmen oder Investoren. Manchmal wird noch ein Mitarbeiter durch das fertiggestellte Gebäude geschickt um im Vorbeigehen mit einer Digiknipse ein paar Bilderchen zu machen. Etwas anders sieht die Situation in Madrid und Barcelona aus. Der kleine Kuchen wird jedoch immer kleiner.

Hinzu kommt die absurde Situation der Labors für den E6-Prozess. Die wenigen Labore, die das digitale Zeitalter überlebt haben, haben masslose Preise, und es ist keine Garantie vorhanden, dass sie morgen noch am Markt sein werden. Daher musste ich die Laborentwicklung in Deutschland organisieren, um das Risiko zu minimieren, dass das Labor über Nacht geschlossen wird wenn meine Filme gerade dort entwickelt werden.

Mit Beginn der Krise 2008 brach der Immobilienmarkt hier fast komplett zusammen. Kaum noch Neubauten, der ohnehin schon kleine Markt war für mich weggebrochen. Eine Neu-Orientierung auf den Sektor Solar- & Windenergie zog sich mehr in die Länge als ich mir vorstellen konnte – Spanien ist ein Land mit extrem langsamen Reaktionen: mañana, wörtlich übersetzt ‚Morgen‘, nur nennt hier niemand eine Jahreszahl dazu!

Ein besonders krasses Erlebnis hatte ich 2009: ich kam mit dem Betreiber-Konsortium des ‚Parque de las Ciencias‘ in Granada ins Gespräch. Es kam jedoch nie zu einem Auftrag, weil das Management forderte, dass ich ihnen die Fotos **kostenlos** in voller Großformat-Auflösung inclusive aller Rechte zur Verfügung stelle. Das ist meine persönliche Erfahrung, die die Mentalität und Haltung einiger Spanier zeigt: ‚Für mich Alles, wie die Anderen überleben ist nicht mein Bier.‘

Das ist einer der Punkte weshalb ich zur Zeit darüber nachdenke, gen Norden nach Deutschland oder Holland zu gehen.

Frage 13: Und was haben Sie vor, wenn Sie zurückkommen?
_jb: Ich werde sofort neue Kontakte knüpfen und alte Kontakte auffrischen. Mit fließend deutschen, englischen und guten spanischen Sprachkenntnissen kann ich mich in der ganzen Welt bewegen – das sollte doch ein großes Plus für deutsche Unternehmen sein, die im Ausland Architektur- & Industrie-Projekte realisieren. Selbstverständlich interessiert mich auch der nationale Markt, denn es gibt noch sehr viel zu tun. Dabei denke ich nicht nur an die ‚großen‘ Projekte, sondern auch an kleinere Projekte, die gern – aus welchen Gründen auch immer – etwas vernachlässigt werden.

Wissen Sie, ich bin wahnsinnig begeisterungsfähig und hänge auch mal einen oder zwei Tage dran ohne Aufschläge zu berechnen wenn mir ein Projekt Spaß und Freude macht, und ich denke, dass ich das gut rüberbringen kann.

Als absolutes ‚Seh-Tier‘, das Bilder bereits vor dem Auslösen erkennt und visualisiert, gehe ich mit Passion an die Aufgabe heran. Schließlich geht es unter anderem darum, den Stolz des Entwicklers und die Würde des Objekts mit Perfektion und Präzision sowie Einbeziehung der natürlichen Stimmungen in die Köpfe von Kunden und Betrachtern zu transportieren. Mag sein, dass diese Einstellung im Zeitalter der ‚Geiz-ist-geil‘-Mentalität nicht 100% trendgerecht ist, aber mal ehrlich: Es wäre doch Unsinn, bei einem Gesamtvolumen von X Euro an etwas Geld, ein wenig Zeit und guten Fotos zu sparen. Das wäre äquivalent zu einem Bauherren, der die Sperrschicht oberhalb der Sohlplatte und die Außen-Isolierung aus Kostengründen weg lässt.

Daher bin ich überzeugt davon, mit meiner Begeisterung und meinem technischen Background als Industrial Designer viel für Auftraggeber bewegen zu können.

jens g.r. benthien
photographer · industrial designer & engineer
granada · españa
http://www.sacalobra.com

2 Kommentare

  1. Pingback: Architekturfotoblog | Architekturfotograf Jens Benthien im Archimag-Interview |

  2. Stefan sagt

    […]
    Anmerkung: Kommentar gelöscht. Inhalte von anderen Foren/Blogs sollten auch dort diskutiert werden.

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