11 Fragen an...
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Architekturfotograf Adrian Schulz

Adrian Schulz
Adrian Schulz

Adrian Schulz

Die Interviews mit Architekturfotografen (hier, hier, hier, hier und hier) kommen gut an. Gerade deshalb bin ich sehr froh, dass ich Adrian Schulz für dieses Interview gewinnen konnte. Herr Schulz ist 1980 in Heidelberg geboren und hat an der TU Berlin Architektur studiert. Nach freier Mitarbeit bei einigen Architekturbüros ist er seit 2008 als selbstständiger Architekturfotograf national und international tätig. Wer sich mit dem Thema Architekturfotografie schon genauer beschäftigt hat, der kennt ihn wahrscheinlich durch sein Buch “Architekturfotografie: Technik, Aufnahme, Bildgestaltung und Nachbearbeitung”* oder die englische Ausgabe “Architectural Photography: Composition, Capture, and Digital Image Processing”*.

Frage 1: Herr Schulz, steigen wir direkt ein. Was war das letzte Foto, das Sie gemacht haben?
_Adrian Schulz [as]: Vorgestern habe ich die leicht verwitterte Tür eines Gebäudes in der Nähe meines Wohnorts für eine private Bilderserie aufgenommen. Bilderserien sind eine sehr spannende Form der künstlerischen Architekturfotografie, da die eigentliche Wirkung erst durch das Zusammenstellen im Nachhinein entsteht.

Frage 2: Wie sind Sie zur Fotografie und speziell zur Architekturfotografie gekommen?
_as: Meine Begeisterung und mein Interesse für Architektur entwickelten sich schon sehr früh, daher war der Schritt zum Architekturstudium für mich eine logische Folge. Gleichzeitig bin ich meiner zweiten Leidenschaft – der Fotografie – nachgegangen. Gebäude waren dabei natürlich besonders interessante Motive für mich, gerade weil ich die Intention des Architekten erfassen konnte. Bei meiner Diplomarbeit hatte ich endlich die Möglichkeit, Architektur und Fotografie miteinander zu verknüpfen. Nach dem Abschluss des Studiums habe ich mich dann als Architekturfotograf selbständig gemacht und ein Buch zum Thema geschrieben, welches mittlerweile auch in einer internationalen Version erschienen ist.

Adrian Schulz - Gegenueberstellung ehemaliger Palast der Republik und Berliner Dom

Adrian Schulz - Gegenueberstellung ehemaliger Palast der Republik und Berliner Dom

Frage 3: Welches Gebäude möchten Sie auf jeden Fall noch ablichten?
_as: Da gibt es viele. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich die Gelegenheit, in New York viele meiner Favoriten abzulichten. Auf eines möchte ich mich jetzt nicht festlegen. Spannend wäre ein Besuch der Oper von Sydney, aber auch die brasilianische Hauptstadt Brasilia von Oscar Niemeyer und viele weitere Baumonumente rund um die Welt haben ihren Reiz.

Frage 4: Gibt es einen Kundenkreis bei den Architekten, der noch nicht erschlossen ist? Und wenn ja, warum ist das Ihrer Meinung nach so?
_as: Die meisten Architekten sind sich heute der Tatsache bewusst, dass nur professionelle Aufnahmen die Qualität ihrer Gebäude gezielt transportieren können . Wenn es darum geht, ein Gebäude sprichwörtlich ins rechte Licht zu rücken, gibt es nun mal keinen besseren Ansprechpartner als einen spezialisierten Fotografen. Sicher, für z. B. eine reine Baumängeldokumentation benötigt man nicht unbedingt einen Architekturfotografen, hier genügt ein Schnappschuss. Bei allem, was darüber hinausgeht, sind aber technisches und künstlerisches fotografisches Knowhow und eine professionelle Kameraausrüstung unverzichtbar. Gerade in unserer schnelllebigen medialen Welt sind gute Bilder für einen Architekten das A und O, um sich nach außen hin zu präsentieren.

Frage 5: Wie sieht Ihre typische Ausrüstung aus?
_as: Die Ausrüstung unterscheidet sich je nach Auftrag und Motiv. Meine typische digitale Ausrüstung umfasst 4-5 shiftbare Objektive vom extremen Weitwinkel bis zur Normalbrennweite, ein gemäßigtes Telezoom für die Aufnahme von Details oder Bildern aus größeren Distanzen sowie ein hochwertiges Stativ. Dazu kommen Fernauslöser, Filter und diverses weiteres Zubehör.

Adrian Schulz - Villa Potsdam Eingangsbereich

Adrian Schulz - Villa Potsdam Eingangsbereich

Frage 6: Analog oder digital?
_as: Momentan und auch in Zukunft werde ich sicher hauptsächlich digital fotografieren. Man ist vor Ort deutlich flexibler und kann spontaner (re)agieren, weil die Kamera schneller einsatzbereit ist. Auch ist die Anzahl und damit später die Auswahl der Bilder wesentlich weniger beschränkt. Ein rein digitaler Workflow spart außerdem Zeit und Geld, da Filmkauf, Entwicklung und Digitalisierung komplett wegfallen. Daher sind die Kosten pro Aufnahme einfach geringer, und diese Einsparung kann an den Kunden weitergegeben werden.

Frage 7: Architektur und Musik werden Parallelen nachgesagt. Hören Sie beim Fotografieren oder Nachbearbeiten Musik und wenn ja welche?
_as: Beschäftigt man sich mit der Architekturtheorie, sind Architektur und Musik in der Tat eng verwandt. Die Menschen brachten die beiden Künste nicht nur in der Antike eng miteinander in Verbindung, gerade in der Renaissance gab es viele Abhandlungen zu dem Thema. Ich erinnere nur an Albertis Werk „de re aedificatoria“, das erste eigenständige umfassende Architekturbuch der Neuzeit, in dem er die Schönheit von Architektur durch die Harmonie und den Einklang der Einzelteile definierte und nicht nur Natur und den Menschen zum Vorbild für das architektonische Schaffen machte, sondern im Besonderen die Musik. Auch Schelling beschrieb Architektur Jahrhunderte später als erstarrte Musik. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wundert es mich nicht, dass ich gerade bei der Bearbeitung einer größeren Menge Bilder sehr gerne Musik höre, was mir hilft, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Als nützlichen Nebeneffekt überdeckt eine gewisse Soundkulisse natürlich auch störende Umgebungsgeräusche. Die Musik darf natürlich nicht allzu aufreibend sein, jedoch gibt es eine breite Palette an Musikgenres, die diese Anforderungen erfüllt. Dazu gehören für mich klassische Musik, aber auch z. B. Blues und Rock-Gitarristen wie Eric Clapton oder die jüngeren Alben von Bob Dylan, um jetzt nur ein paar wenige zu nennen.

Frage 8: Wie stark bearbeiten Sie Ihre Fotos nach?
_as: Das hängt von der Zielsetzung ab. Für eine dokumentarische Darstellung ist der übertriebene Einsatz der digitalen Nachbearbeitung eher hinderlich. Soll eine Aufnahme auf Effekt getrimmt werden, darf es schon etwas mehr sein. Bei der Aufnahme von DRI-Bildern, also Bildern, die aus einer Belichtungsreihe zusammengesetzt werden, um den Dynamikbereich zu vergrößern, ist eine intensivere und zeitaufwändigere Nachbearbeitung notwendig. Bei solchen Bildern besteht allerdings die Kunst darin, diese Eingriffe im fertigen Bild nicht in Erscheinung treten zu lassen. Generell muss man aber sagen, dass mit der Nachbearbeitung einiges nochmals optimiert werden kann, ein Bild aber schon bei der Aufnahme stimmen muss. Kein nachträglicher Eingriff kann Fehler bei der Aufnahme restlos beseitigen. Im Übrigen weisen manchmal sogar gerade die Bilder einen besonderen Charme auf, die bewusst die allgemeinen Regeln der Fotografie brechen und durch ihre Andersartigkeit überzeugen.

Adrian Schulz - residential houses Seeseite

Adrian Schulz - residential houses Seeseite

Frage 9: Das von Ihnen ausgewählte Foto “Residential House Seeseite” stammt aus einer Reihe von Aufnahmen kalifornischer Privathäuser. Ist diese Reihe als Auftragsarbeit entstanden?
_as: Diese Reihe war eine Auftragsarbeit für ein amerikanisches Architekturbüro aus Berkeley bei San Francisco. Die Architekten benötigten Bilder einiger ihrer gerade fertiggestellten Gebäude. Viele davon waren Privatwohnhäuser oder besser Residenzen, die auf für deutsche Verhältnisse geradezu riesigen Grundstücken von teilweise mehreren Hektar gebaut wurden.

Frage 10: Können Sie uns noch die Einstellungen bei diesem Foto nennen?
_as:
Das Bild wurde von einem leicht tieferliegenden Standpunkt vom Stativ aus aufgenommen. Ich habe ein 35mm Mittelformatobjektiv an einem Shiftadapter mit einer hochauflösenden Vollformat-Spiegelreflexkamera verwendet. Die Belichtungszeit war 1/20 Sekunden bei deutlich abgeblendetem Objektiv.

Frage 11: Auf dem Foto sieht man einen Aussichtsturm oder Ähnliches. Ein außergewöhnliches Element. Haben Sie hierzu noch etwas Hintergrundinformationen?
_as: Dieser Gebäudeteil ist in der Tat eine Art Aussichtsturm. Das Haus befindet sich rund 30 Meilen vor den Bergen der kalifornischen Sierra Nevada südlich von Sacramento. Da der Eigentümer ein begeisterter Kletterer ist, wünschte er sich eine Plattform, von der aus er die Berge beim morgendlichen Frühstück sehen konnte. Diesen Wunsch setzten die Architekten natürlich um und sie integrierten diesen ungewöhnlichen Turm in das Haus. Im Übrigen hat aus demselben Grund auch das Thema Stein eine große Bedeutung für das Gebäude und man findet das Material als architektonisches Motiv überall am und im Haus.

Frage 12: Das von Ihnen oben schon erwähnte Buch ist “Architekturfotografie: Technik, Aufnahme, Bildgestaltung und Nachbearbeitung”, welches im dpunkt Verlag erschienen ist. Wie kommt man auf die Idee, ein Buch über das Thema zu veröffentlichen?
_as: Wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, liegt es nahe, dass man früher oder später den Wunsch verspürt, sein Wissen und seine Begeisterung weiterzugeben. Für eine umfassende Darstellung eines solchen Themas ist ein Buch natürlich ein ideales Medium. So entstand dieses Praxishandbuch, das gleichzeitig auch zum Blättern und Betrachten der Bilder einlädt. Für die Entscheidung hilfreich war natürlich auch die Tatsache, dass es auf dem Markt nicht besonders viele ausführliche Bücher zu dem Thema gibt.

Frage 13: Wenn man den Entschluss getroffen hat, ein Buch zu veröffentlichen, ist es dann so schwer, ein Verlag zu finden, wie man immer hört? Wie ist die Entstehungsgeschichte des Buches bei Ihnen gewesen?
_as: Entscheidend ist ein gutes, klar strukturiertes Manuskript mit Fokus auf eine bestimmte Zielgruppe. Kein Verlag wird einem Autoren den Zuschlag zu einer Veröffentlichung geben, wenn der Autor lediglich vage Ideen und Visionen hat oder das Thema nur für einen kleinen Personenkreis von Interesse ist. Ein schlüssiges, auf den Markt angepasstes Konzept ist also enorm wichtig. Ein bisschen Glück ist natürlich auch immer dabei: Die meisten Verlage haben ein festes Programm, in das ein Titel eben hineinpassen muss.
Außerdem muss man den Verlag überzeugen, dass man selbst in der Lage ist, so ein Projekt von A bis Z durchzuziehen. Verlage müssen sich auf den Autoren verlassen können, da sie Termine einhalten und natürlich auch wirtschaftlich denken müssen. Wird das Buch angekündigt, die Werbemaschinerie angeworfen und die Druckerei gebucht, muss das Manuskript vorliegen, sonst ist das für alle Beteiligten von großem Nachteil.

Frage 14: An wen richtet sich das Buch? Muss ich erst überlegen, Tilt/Shift-Objektive anzuschaffen, und ein halber Profi sein, oder ist das Buch auch für Einsteiger geeignet?
_as: Das Buch ist auch absolut für Einsteiger mit einer sehr einfachen fotografischen Ausrüstung geeignet. So werden zum Beispiel einige gut funktionierende Alternativen zum Einsatz eines Shift-Objektivs genannt. Für gute Fotos ist die eingesetzte Technik im Übrigen weit weniger ausschlaggebend, im Grunde reicht einem guten Fotografen eine sehr einfache Kameraausrüstung vollkommen aus, um faszinierende Bilder aufzunehmen. Anderen wiederum gelingt es trotz sündhaft teurer Ausrüstung nicht, ein qualitativ auch nur ansatzweise vergleichbares Foto zu machen. Teure Technik gewährleistet also nicht automatisch ein gelungenes Architekturfoto – der ausschlaggebende Faktor ist der Mensch hinter der Kamera und dessen Verständnis für die Architekturfotografie, und genau hier setzt das Buch an.

Vielen Dank Herr Schulz für das nette Interview.

* Affiliate-Links: wer hier kauft unterstützt Archimag mit ein paar Prozent des Kaufpreises – zahlt aber keine Cent mehr.

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