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Perlen der Alltagsarchitektur

Haarlem Raakspoort Rathaus und Multiplex-Kino

Raaks_ph CR_4240-09bBau­herr: MAB Deve­lop­ment Neder­land B.V.

Ort: Raaks Kwar­tier Zijl­vest 39 NL-2011 VB

Größe 18.500 m2

Kos­ten 18,3 Mio Euro

Rea­li­sie­rung Juli 2008 — Okto­ber 2011

Archi­tek­ten: Prof. Julia B. Bolles-Wilson, Peter L. Wilson

Pro­jekt­lei­ter: Chris­toph Macholz, Remco de Graaf

Pro­jek­tas­sis­ten­ten: Heiko Kam­pher­beek, Susanne Asmuth

in Koope­ra­tion mit Döll archi­tec­ten, Rot­ter­dam (Innen­raum Rathaus)

Fotos Chris­tian Richters

Trans­for­ma­tive Pro­zesse, ins­be­son­dere jene, die sich mit deli­kat “fein­kör­ni­gen” his­to­ri­schen Städ­ten wie Haar­lem befas­sen, sind kom­plex und brau­chen Zeit. Im Fall des Raaks Pro­jek­tes dau­erte es mehr als 10 Jahre, um vom wohl­über­leg­ten städ­ti­schen Mas­ter­plan (Donald Lam­bert – Kraaijvan­ger Urbis) über eine Reihe von Work­shops und Pro­gramm­über­ar­bei­tun­gen zu dem fina­len Ensem­ble zu gelan­gen, das im Okto­ber 2011 eröffnete.

Von Beginn an erhielt die Ver­ant­wor­tung für den äußers­ten Block die­ses dich­ten und hoch urba­nen Quar­tier­sum­bau, der sich bei­nahe naht­los (und wie im Mas­ter­plan vor­ge­schrie­ben) mit dem angren­zen­den klein-maßstäblichen Stadt­ge­füge ver­bin­det – zu einer Nach­bar­schaft. Der Rand­block muss gleich­zei­tig abschir­men (Ver­kehr) und ein­la­den (Fuß­gän­ger), er muss Signal sein und respekt­voll sei­nen Platz in der Fas­sa­den­se­quenz ein­neh­men, wel­che die his­to­ri­sche Grenze der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt mar­kiert. Ein­lei­tende Work­shops zum Pla­nungs­ge­biet brach­ten Ver­tre­ter aus Nach­bar­schaft und Stadt mit Ent­wick­lern und Archi­tek­ten zusam­men – , Claus en Kaan, Jo Cre­pain und Kraaijvan­ger Urbis (die auch für das groß­for­ma­tige, unter­ir­di­sche Park­haus zustän­dig waren).

Der kom­plexe funk­tio­nale Mix des BOLLES+WILSON Gebäu­des begann mit einem gro­ßen und sie­ben klei­nen Kinos auf den obe­ren Eta­gen, einem unter­ir­di­schen Kasino und einem dar­un­ter gele­ge­nen Park­deck (für Crou­piers und Spie­ler). Bereits in die­ser Phase waren die bei­den Funk­tio­nen durch eine Pas­sage getrennt, die von der sicht­ba­ren, reprä­sen­ta­ti­ven Außen­fas­sade in das ver­netzte Blo­ckin­nere führte. Die Frage nach Maß­stab und his­to­ri­scher Refe­ren­zie­rung des fens­ter­lo­sen Bioscoop Mono­liths mün­dete an die­ser Stelle in eine Kinoleinwand-ähnliche Fas­sade mit einer nahezu pop­ar­ti­gen Gra­fik – ein rie­si­ger Sieb­druck des his­to­ri­schen Stadt­plans Haar­lems, auf die Rück­seite der Kino­lein­wände mon­tiert (das sta­bile Bild der Stadt – die Rea­li­tät der Medien). Der Gestal­tungs­bei­rat Wel­stand war (aus gutem Grunde) “not amu­sed”. Dar­auf­hin ging das Kino in den Unter­grund und das Kasino kolo­ni­sierte die obe­ren Eta­gen. Beide erfor­der­ten auch nur wenige Fens­ter (das lenkt zu sehr von der erns­ten Auf­gabe ab, Geld in Maschi­nen zu wer­fen). Zu die­sem Zeit­punkt wurde auch ein kom­ple­xes Stahl­ske­lett ein­ge­ar­bei­tet, wel­ches die obe­ren Funk­tio­nen über die groß­for­ma­ti­gen Kinos „hän­gen“ sollte. Irgend­wann wurde das Kasino zum Rat­haus. Das war die

ersehnte Gele­gen­heit, um über feh­lende Fens­ter nach­zu­den­ken und einen Fens­ter­typ zu ent­wi­ckeln, der ent­we­der von der Fas­sa­den­li­nie zurück­ge­setzt, bün­dig mit dem Mau­er­werk oder aus der Fas­sade her­vor­tre­tend ein­ge­setzt wer­den kann.

Ein Rat­haus ist zwei­fel­los ein bedeu­ten­des und reprä­sen­ta­ti­ves Gebäude. Ihrer Pflicht nach­kom­mend initi­ier­ten die neuen Nut­zer eine wei­tere Reihe von Design-Workshops, gelei­tet von den ver­ant­wort­li­chen Zie­len des Stadt­rats Chris van Vel­zen: „Don’t for­get the clock-tower“ und „think Dudok“ lau­te­ten seine Anwei­sun­gen. Das Ergeb­nis war die Ent­wick­lung einer arti­ku­lier­ten Backstein-Haut – einer Tex­tur aus Schat­ten­strei­fen und fla­chen Fel­dern mit einer hel­ler far­bi­gen Mör­tel­fuge. Zur glei­chen Zeit wurde das Volu­men in einen Haarlem-angemessenen Maß­stab model­liert mit Rück­sprün­gen an den Ecken und volu­metri­schen Ver­fei­ne­run­gen, die den Maß­stab redu­zie­ren. Das Büro Henk Döll hatte bereits ein neues Rat­haus für Haar­lem ent­wor­fen; sie kamen nun zum Work­shop als Archi­tek­ten für das Inte­ri­eur der Stadt­ver­wal­tung hinzu.

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In einer frü­hen Phase der Pro­jekt­ent­wick­lung war die Erhal­tung des Gebäu­des aus dem 19. Jahr­hun­dert auf dem Kino­ge­lände dis­ku­tiert wor­den. Erwar­tungs­ge­mäß war dies inkom­pa­ti­bel mit den neuen Funk­tio­nen. Die Alter­na­tivstra­te­gie für BOLLES+WILSON bestand darin, ver­schie­dene signi­fi­kante und fein gear­bei­tete Bau­ele­mente zu erhal­ten und diese – vor­sich­tig restau­riert – wie­der in den neuen Block ein­zu­ar­bei­ten. Der Ein­satz von Carlo Scarpa’s Verona Tech­nik, bedeut­same Frag­mente vor tra­gende Wände zu hän­gen, umgeht den „Pas­ti­che“ und prä­sen­tiert dem auf­merk­sa­men Besu­cher eine his­to­ri­sche Schich­tung, einen Sub­text, der ver­or­tete Momente ani­miert und arti­ku­liert. Zwei Sta­tuen, die viel­leicht ein­mal einen Dis­kurs zu „Tugend“ oder „Klug­heit“ ange­sto­ßen haben mögen, fin­den sich nun wie­der, auf einem maß­ge­schnei­der­ten Bal­kon und Podest sit­zend, den Innen­platz über­wa­chend oder als ver­an­kern­der Engel in den Fluss von Ver­kehr und Parkhaus-Eingang gesto­ßen. Wei­tere Bögen, Skulp­tu­ren, gemei­ßelte Stein­re­liefs von Schif­fen und Anke­rei­sen sind behut­sam ange­ord­net, um Stra­ßen­räume, Blend­mau­ern oder den Durch­gang zu bele­ben, der den Block teilt und die innere (Raaks Kwar­tier) mit der äuße­ren Welt ver­bin­det – eine wei­tere sequen­tia­li­sierte und cho­reo­gra­phierte Raumentfaltung.

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INTERIEUR – Döll Archi­tec­ten waren für die Innen­raum­ge­stal­tung, Büro­lay­out und das „Finis­hing“ ver­ant­wort­lich. Für seine Nach­hal­tig­keit gemäß den nie­der­län­di­schen GPR-Qualifikationen erhielt das Gebäude 8 von 10 Punk­ten. Von der Zijl­vest betritt der Besu­cher die neue Halle mit Schal­tern, Bera­tungs­räu­men und Selbst­be­die­nungs­ter­mi­nals. Die große Halle mit ihrem Mez­za­nin ist syn­op­tisch, weit und hell. Die obe­ren Eta­gen beste­hen aus fle­xi­blen und offe­nen Arbeits­plät­zen für drei Stadt­be­zirke – eine Kom­bi­na­tion aus klas­si­schen Büros, offe­nen Arbeits­be­rei­chen, Bespre­chungs­räu­men und Begeg­nungs­or­ten. Inspi­ra­tion für die Atmo­sphäre des Gebäu­des war das Gemälde „Pekel­ha­ring“ aus dem 17.

Jahr­hun­dert der Haar­le­mer Male­rin Judith Leys­ter. Ruhi­ger, geo­me­tri­scher Hin­ter­grund + sich abhe­ben­der, far­bi­ger Vor­der­grund, Prin­zi­pien kon­tras­tie­ren­der Form, Mate­rial und

Farbe sind ebenso im Innen­raum des Raaks­po­orts zu fin­den, – ruhige neu­trale Arbeits­plätze, ani­mierte Begegnungsorte.

Kon­takt:

BOLLES+WILSON GmbH & Co. KG

Hafen­weg 16

48155 Müns­ter

T +49 (0)2 51/4 82 72 – 0

F +49 (0)2 51/4 82 72 – 24

info@bolles-wilson.com

www.bolles-wilson.com

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Ich bin Architekt und seit 2009 veröffentliche ich archimag.de. Wenn Ihr Wünsche oder Anregungen habt, dann her damit. Ich freue mich über Eurer Feedback.
Sebastian Lauff

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